Endspurt Abi – Auf ins Studium!

Deine Studienwahl ist nicht nur eine berufliche Entscheidung: Sie prägt dein gesamtes Leben. Hier die richtigen Weichen zu stellen, ist angesichts der Vielfalt an Möglichkeiten eine große Herausforderung und birgt leider jede Menge Arbeit. Je mehr du jedoch über deine eigenen Interessen herausfindest und je intensiver du dich mit den verschiedenen Studienrichtungen beschäftigst, desto klarer werden sich für dich Wege auftun. Die große Frage ist dabei immer: Wo fange ich an?

Sicherlich gibt es in deinem Freundeskreis jemanden, der mit 16 schon genau wusste: Ich werde Anwalt. Dann ist der Weg dorthin ganz klar – er muss erst einmal ein Jura Studium absolvieren. Wenn dir allerdings die Ideen fehlen, musst du dir zunächst über deine Neigungen und Interessen klar werden. Das ist ein längerer Prozess, der einige Zeit in Anspruch nimmt. Wäge ab, welche Fächer du in der Schule gerne belegst und in welchen Bereichen oder Interessengebieten du bisher in eigener Initiative Anstrengungen unternommen hast.

Paul ist ein Fußballnerd. Dabei macht er selbst gar keine so gute Figur auf dem Platz, beschäftigt sich aber sieben Tage die Woche mit der Bundesliga. So hat er sich im Laufe der letzten zwei Jahre schon eine gewisse Expertise in puncto Spieltaktiken, Aufstellungen und Transfermarkt angeeignet.

Lisa hingegen liebt den Deutschunterricht in der Schule, schon montags freut sie sich darauf, auch wenn der Deutsch-Leistungskurs proppenvoll ist und der Kurs zu allem Überfluss auch noch freitags nachmittags stattfindet.

Gibt’s so eine Lieblingsbeschäftigung, für die du dich freiwillig anstrengst, auch in deinem Leben? Dann überlege dir genau, inwiefern und vor allem warum du dich dafür anstrengst, um Rückschlüsse auf mögliche Interessen und Neigungen ableiten zu können.

TIPP

Auch Gespräche mit Eltern und Freunden können helfen, Neigungen und Interessen zu erkennen. Wichtig ist immer, dass du die erarbeiteten Informationen notierst und später nochmal alleine überdenkst. Natürlich kannst du für einen ersten Eindruck auch die Persönlichkeitstests zur Studienwahl der Unis nutzen, z.B.

Ebenfalls hilfreich sind professionelle Berater in den Arbeitsagenturen und bei unabhängigen privaten Studienberatungen, z.B.

Paul zum Beispiel trainiert zwar nicht exzessiv für sein Hobby, dafür läuft er aber zweimal die Woche früh beim Kiosk vorbei, um noch vor Schulbeginn den Kicker zu lesen. Außerdem stellt er fest, dass er im Physikunterricht und in der Mathe aufhorcht, wenn es um Parabeln, insbesondere um Wurfparabeln geht. Schließlich lässt sich damit der optimale Abschusswinkel aufs Tor berechnen. Was ihn am Fußball am meisten interessiert, ist die detaillierte Spielanalyse und der Ausbau seines Expertenwissens auf diesem Gebiet.    

Lisa hat für den Deutschunterricht stets sämtliche Hausaufgabentexte gelesen und darüber hinaus die Sekundärliteratur durchgesehen. Wenn die Zeit neben ihrer Tätigkeit als Schülersprecherin reicht, schaut sie auch gern mal im Netz nach aktuellen Bezügen, die sie im Unterricht einbringen kann. Denkt sie länger darüber nach, warum sie das Fach Deutsch so mag, kommt sie allerdings zu dem Schluss, dass dies daran liegt, dass ihr Lehrer einen offenen, diskursreichen Unterrichtsstil pflegt. In Diskussionen gewinnt sie rasch die Oberhand, überzeugt andere von ihrer Meinung und das Beste: Es gibt viele Gruppenarbeiten, in denen sie ihr Team anleiten und ihre Arbeit präsentieren kann.

Aus diesen Beispielen lässt sich erkennen, dass sich Interessen und Neigungen nicht nur als Interessen an bestimmten Aktivitäten oder Objekten feststellen lassen, sondern dass sich daraus bestimmte Wahrnehmungs- und Handlungstendenzen beschreiben lassen. Im Fachjargon unter uns Studienberatern hört sich das dann etwa so an:

Paul hat in erster Linie ein intellektuell-forschendes Interesse: Er bevorzugt Aktivitäten, bei denen er sich mit physischen, biologischen oder kulturellen Phänomenen auseinandersetzt, diese systematisch beobachtet und erforscht.

Lisa hat ein hohes unternehmerisches Interesse: Sie bevorzugt Aktivitäten, bei denen sie andere mithilfe von Sprache oder anderen Mitteln beeinflussen oder führen kann.

Natürlich gibt es auch noch andere dieser abstrakt beschreibbaren Interessen, die bei jedem von uns mehr oder weniger ausgeprägt sind. Sie zeigen nicht nur an, was du gerne machst, sondern auch welche Fähigkeiten und Fertigkeiten du dir freiwillig aneignest und mit welchen Kompetenzen du dich gerne schmückst. Dabei ist meist nicht nur ein Interesse ausgeprägt, sondern gleich zwei oder drei. Aus diesen Interessen lässt sich auf passende Berufsfelder schließen.

So hat ein praktischer Arzt, der seinen Beruf liebt, vermutlich ein hohes intellektuell-forschendes und gleichzeitig ein hohes soziales Interesse.

Interessen als wichtiges Kriterium bei der Studienwahl – Das RIASEC Modell nach John L. Holland

Interesse  Merkmale

realistic R
(praktisch-technisch)

Du arbeitest gerne mit Werkzeugen, Maschinen oder deinen Händen und bevorzugst Tätigkeiten, die zu konkreten Ergebnissen führen. Du ziehst konkrete Dinge, traditionelle Werte und praktische Lösungen vor.
Beispielhafte Berufe: Ingenieur, Agrarwirt oder Geologe

investigative I
(intellektuell-forschend)

Du schätzt Intelligenz, Ausbildung, Logik und Lernen. Außerdem magst du abstrakte Ideen, innovative Lösungen und beobachtest und analysierst gerne.
Beispielhafte Berufe: Forscher, Arzt, Physiker oder Informatiker

artistic A
(künstlerisch-sprachlich)

Du bevorzugst offene und unstrukturierte Tätigkeiten. Du siehst dich als frei, intuitiv und kreativ.
Beispielhafte Berufe: Künstler, Musiker, Autoren

social S
(sozial)

Du willst in Bildung, Training, sozialen und medizinischen Berufen tätig werden, da du Menschen helfen willst und gerne mit Menschen arbeitest.
Beispielhafte Berufe: Lehrer, Sozialarbeiter, Psychologe

enterprising E
(unternehmerisch)

Du willst führen und andere überzeugen, weshalb du eine Position mit Verantwortung suchst.
Beispielhafte Berufe: Manager, Schulleiter, PR-Berater

conventional C
(konventionell)

Du schätzt strukturierte, systematische Arbeit. Du siehst dich als wohlorganisiert, verlässlich und magst den Umgang mit konkreten Informationen und Daten.
Beispielhafte Berufe: Controller, Rechtsanwalt, Steuerberater

Wenn du dir Zeit nimmst, Augen und Ohren offen hältst, und in Ruhe darüber nachdenkst, wirst du auch bei dir starke und weniger starke Interessen entdecken und kannst daraus auf für dich geeignete Berufsfelder schließen. Damit ist der erste Schritt in Richtung Studienfach getan.

TIPP

Praktika, Hospitationen, Gespräche mit Menschen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis deiner Eltern über deren Berufe helfen dir, passende Berufsfelder zu deinen Interessen zu finden. Studiere ebenfalls Stellenanzeigen für Akademiker in Zeitungen und im Netz, z.B. unter jobboerse.arbeitsagentur.de. Das hilft dir, ein konkreteres Bild zu entwickeln.

Natürlich gibt es Berufe, für die du unbedingt ein bestimmtes Fach studieren musst. Willst du beispielsweise Arzt werden, musst du Medizin studieren. Wenn du jedoch keine genaue Vorstellung hast, solltest du die in Frage kommenden Berufsfelder weiter mit deiner Persönlichkeit abgleichen. Bei der Recherche von Stellenanzeigen im Netz (auf den Seiten der Arbeitsagentur, in einschlägigen Jobdatenbanken und direkt bei Unternehmen und Organisationen) kannst du herausfinden, welche akademischen Qualifikationen für verschiedene Positionen gefragt sind und welche Studiengänge in diesem Bereich angeboten werden. Zudem erhältst du einen Überblick, wie sich die Studiengänge inhaltlich und organisatorisch unterscheiden.

Paul merkt bei der Stellenrecherche und in Gesprächen, dass sich sein Interesse am Fußball auch auf andere Systeme – wie etwa den Automobilmarkt – übertragen lässt. Wenn er hier eine Position erreichen könnte, in der er strategische Entscheidungen vorbereiten könnte, z.B. ob es sich in Zukunft für deutsche Autobauer lohnen wird, Elektroautos zu bauen…. Das fände er wunderbar! Gern will er lernen, wie Wirtschaftssysteme funktionieren und zusammenhängen – also ein wirtschaftswissenschaftliches Studium?

Lisa hat sich bei ihrer Stellenrecherche vor allem in einen Beruf verliebt: Pressesprecherin in einem internationalen Unternehmen. Das wär‘s doch, denkt sie, da will ich hin! Schnell checkt sie im Netz, welche Qualifikationen Pressesprecher üblicherweise mitbringen sollten und stellt mit Schrecken fest: Da steht ganz häufig Wirtschaftswissenschaften!

Obwohl wir es hier mit zwei ganz unterschiedlichen Menschen zu tun haben, kommt für beide die gleiche Wissenschaftsdisziplin in Frage. Jetzt geht es darum, herauszufinden, welche Studiengänge in diesem Bereich angeboten werden und wie sich das Angebot inhaltlich und organisatorisch unterscheidet.

TIPP

Auf www.bachelor-and-more.de/suche kannst du nach passenden Studienangeboten suchen.

Hast du herausgefunden, welche Studiengänge deiner übergeordneten Wunschdisziplin zugeordnet werden können, solltest du dir die Studiengänge auf den Hochschulseiten genauer anschauen. Lies dabei auch unbedingt die Studienordnungen und Modulpläne, die die Hochschulen veröffentlichen, durch. Diese geben dir Aufschluss darüber, welche Inhalte konkret gelehrt werden und wie dein Wissen, das du dir im Laufe des Studiums erarbeitest, abgeprüft wird. Schließlich spielen bei der Studienwahl auch deine Talente und Begabungen, bestimmte Eigenschaften sowie deine persönliche Anstrengungsbereitschaft eine wichtige Rolle.  

Paul war immer gut in Mathe und hatte selten Probleme in den Naturwissenschaften, dabei waren seine Leistungen im Schriftlichen immer besser als im Mündlichen. Er kann sich gut disziplinieren, fühlt sich wohl dabei, am Schreibtisch zu sitzen und Formeln zu pauken und freut sich diebisch darüber, wenn er wieder mal etwas verstanden hat. Im Studienberater-Jargon sprechen wir hier von einer eher geringen Extraversion gepaart mit einer vermutlich intrinsischen Motivation.

Lisa ist ganz anders. Sie kann sich zwar auch gut disziplinieren, wenn es ums Lernen geht. Allerdings kapiert sie einfach mehr, wenn sie Texte liest und die dort niedergeschriebenen Theorien mit ihren eigenen Erfahrungen abgleicht. Außerdem möchte sie ihr erarbeitetes Wissen, anderen mitteilen und freut sich auf positive Bestätigung. Die Wirtschaftswissenschaften schrecken sie ziemlich ab. Schließlich hat sie auf den Seiten der Unis in Gesprächen mit Freunden bereits herausgefunden, dass man an den meisten Unis zusammen mit Hunderten anderen Studienanfängern die Hörsaal-Bank in der BWL drückt und die beweislastigen Matheklausuren im Grundstudium es wirklich in sich haben sollen.

Neben den fachlichen Inhalten sollte auch der organisatorische Rahmen möglichst zu dir passen. Während die großen, generalistischen Massenstudiengänge an den Hochschulen zwar vielfältige Spezialisierungsmöglichkeiten im späteren Studienverlauf bieten, musst du dich am Anfang eventuell erstmal in der Masse behaupten. In kleineren Studiengängen mit Studienanfängerzahlen unter 100 bist du vermutlich weniger anonym, findest schneller Anschluss und oft auch stärkere Praxisbezüge im frühen Studienverlauf.

Und natürlich solltest du dir auch überlegen, in welcher Stadt oder Region du studieren möchtest. Dabei spielt die Nähe zur Heimat, der Nachtleben-Spaßfaktor und die Lebenshaltungskosten eine Rolle. Je nach Studienfach und beruflichen Zielen lohnt es sich außerdem, die Studienstadt unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, ob du dort gute Möglichkeiten hast, in deine Wunschbranche hineinzuschnuppern.

Paul hat sich schließlich den Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen in Karlsruhe rausgesucht. Da kommt er her und kann dem KSC als Fan treu bleiben. Außerdem hatte er es mit dem Ausziehen sowieso nicht so eilig. Die Uni ist für ihn ein toller Lernort, mit der Theorie kommt er gut klar. Sein erstes Praktikum hat er auch schon in trockenen Tüchern: In Stuttgart bei einem Automobilhersteller im Bereich Finance and Controlling. Da kann er sogar täglich hin pendeln.  

Lisa hat sich für den praxisorientierten Studiengang Public Relation entschieden. Sie freut sich darauf, im Studienalltag ganz konkret an praktischen Problemen arbeiten zu können, auf viele spannende Diskussionen mit ihren neuen Kommilitonen – am meisten aber auf das praktische Studiensemester, dass sie gerne in der Unternehmenskommunikation eines internationalen Unternehmens absolvieren möchte. Dass das Studium auch das dafür nötige Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge und die wichtigen rechtliche Grundlagen vermittelt, erscheint ihr inzwischen sogar spannend.  

Wie eingangs erwähnt – die Studienwahl ist anstrengend und braucht Zeit. Aber vielleicht freust du dich ja auch darauf, ganz viele Infos über dich, über mögliche Berufsfelder und die verschiedenen Studienfelder zu sammeln? Es lohnt sich auf jeden Fall!

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